Ich blättere das Kalenderblatt von Oktober auf November und da steht er: Patenonkel von Neulich Geburtstag (also natürlich steht das dort mit dem richtigen Namen… eh schon wissen).
„How lucky I am to have something that makes saying goodbye so hard.“
A. A. Milne
Normalerweise hätte ich an diesem Tag meinen Patenonkel in Bonn angerufen, um ihm zu gratulieren. Aber in diesem Jahr muss ich meine Gedanken zum Himmel richten. Und wie es nun einmal so ist, fallen mir an so einem Tag ganz viele schöne Erinnerungen ein, die wir zusammen erlebt haben.
Eine meiner ersten Erinnerungen geht zurück zu unserem Jahrmarkt. Seit über 200 Jahren gibt es dieses Volksfest in meiner Heimatstadt. Und in meiner Kindheit kamen Patenonkel und Tante von Neulich zu dieser Zeit auf Besuch. Natürlich war schon der Besuch an sich etwas ganz Besonderes, weil man sich aufgrund der Entfernung ja nicht so oft sah. Der Sonntag Vormittag war dann der Höhepunkt des Sommers. Gemeinsam ging es „enunner“ – also runter zum „Rummel“.
Schon vor dem Eingang zum Jahrmarktsgelände überkam mich immer ein großes Kribbeln im Bauch und sobald wir die Fußgängerbrücke überquert hatten, war ich im Paradies. Überall Süßigkeiten, bunte Luftballons, Schießbuden und Fahrgeschäfte. Es gab eine kleine Eisenbahn, mit der Schwester von Neulich und ich gefühlt stundenlang durch eine Miniaturlandschaft gefahren sind, während die Erwachsenen im benachbarten Weinzelt saßen und wir uns beim Vorbeifahren fröhlich zuwinkten.
Doch mein Highlight und meine damit verbundene Erinnerung an Patenonkel von Neulich war der Wellenflug – ein Kettenkarussell, das sich beim Drehen in Wellen auf und ab bewegte.
Natürlich durfte ich als Pimpf noch nicht alleine mit dem Kettenkarussell fahren (es gab da einmal eine Geschichte, wonach ein Bruder von Oma von Neulich während einer Fahrt aus einem solchen Fahrgeschäft geflogen war…). Aber zum Glück gab es ja meinen Patenonkel, der sich meiner annahm. Die Jetons für die Fahrt waren gelöst und nachdem das Gefährt zum Stehen gekommen war, gingen wir gemeinsam zu einem der metallenen Sitze. Ganz außen musste es sein, denn dort flog es sich am Schönsten. Patenonkel von Neulich nahm Platz und hob mich auf seinen Schoß. Dann wurde eine schmale Metallstange an den Ketten hinunter vor meinen Bauch geschoben. Die Aufregung stieg, vermutlich ertönte auch so etwas wie „Jetzt geht’s wieder looos, loooooos, loooooos“ und dann begann sich das Karussell zu drehen. Erst langsam, dann fuhr das Innere des Fahrgeschäfts nach oben und während wir immer mehr Fahrt aufnahmen, flogen auch wir immer weiter nach außen und in Wellen rauf und runter. Es war herrlich und ich wäre am liebsten ewig so weiter gefahren.
Auch eine weitere schöne Erinnerung verbinde ich mit „Fahrgeschäften“. In den Sommerferien waren Schwester von Neulich und ich zu Besuch in Bonn und gemeinsam mit Patenonkel und Familie fuhren wir ins Phantasialand. Nun kann man sich vorstellen, wenn ich den Jahrmarkt toll fand, dass das Phantasialand die ultimative Steigerung war. Im Phantasialand fuhr ich zum ersten Mal Achterbahn. Ich bin mir bis heute nicht ganz sicher, ob ich das gut fand 🙂
Ich kann mich auch noch daran erinnern, dass mir Schwester und Patenonkel von Neulich versicherten, dass wir einen Auftritt von Michael Jackson (himself) besuchen würden. Die Show war der Knaller und ich habe wirklich noch sehr lange geglaubt, dass wir tatsächlich den „King of Pop“ gesehen hätten.
Auch sonst waren die Besuche in Bonn immer ein Abenteuer. Wir waren weg von zu Hause, hatten die „strenge“ elterliche Aufsicht hinter uns gelassen und durften tun und lassen, was wir wollten – zumindest kam es mir so vor.
Auf dem Spielplatz in den Rheinauen spielten wir stundenlang, dass man den Boden nicht berühren durfte. Wir machten Radtouren, besuchten das Museum König und hatten einfach eine herrliche, unbeschwerte Zeit.
Und jedes Mal, wenn wir uns sahen – von meiner ersten Erinnerung bis zum letzten Treffen – hat sich mein Patenonkel immer aus tiefstem Herzen gefreut, mich zu sehen. Und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Die Umarmung zum Wiedersehen und zur Verabschiedung werde ich immer in meinem Herzen bewahren.
„Niemals geht man so ganz
Irgendwas von mir bleibt hier“Trude Herr
Es gibt auch noch viele andere, kleine Dinge, bei denen ich an Patenonkel von Neulich denken muss: Erdbereen mit Schokosahne – und Bier, Gösser Suppe, Karneval, ein Pumuckl Kostüm zum Geburtstag, eine Micky Maus Bettwäsche, ein Feuerwerksböller im Kartoffelsalat, ein überlebensgroßer Bugs Bunny auf meiner Kinderzimmerwand, Haribo Gummibärchen, Rheinschiffsfahrten, der FC und noch so vieles mehr.
Ich könnte diese Liste wahrscheinlich noch endlos weiterführen. Doch das würde wohl zu weit führen. Und so blättere ich den Oktober nach hinten und hänge den Kalender wieder an die Wand. Neulich. Im November.
P.S. Happy Birthday lieber Onkel Charly. Maach et jot.