Frau von Neulich und ich haben es endlich geschafft. Lissabon. Drei Jahre haben wir darauf warten müssen, diese Stadt zu besuchen. Ursprünglich war unsere Reise für März 2020 geplant. Am 13. März waren wir zu unserem Reisebüro gefahren, um die Reiseunterlagen abzuholen. Weil wir noch etwas Zeit zu überbrücken hatten, gingen wir in ein benachbartes Gasthaus. Um uns herum wurde bereits darüber gesprochen, dass sämtliche Lokale würden schließen müssen. Und so war es dann ja auch. Lockdown und alle Reisepläne zerschlagen.
Normalerweise sind wir keine „Reisebürobucher“, doch im Nachhinein hat es sich als großes Glück erwiesen, dass wir uns damals dazu entschieden hatten, die Reise nicht selbst zu organisieren. Sämtliche Rückabwicklung wurde uns abgenommen. Und so war es natürlich klar, dass wir unsere „Ersatzreise“ wieder dort buchen würden.
Das Reisebüro war mittlerweile mobil und in einen Kleinbus umgezogen. So kam schon beim Buchen ein gewisses Urlaubsfeeling auf. Und als wir kurz vor Ostern unsere neuen Reiseunterlagen in Händen hielten, war die Vorfreude enorm.
„Das Schöne am Reisen ist, dass du nie so zurückkommst, wie du gegangen bist.“
Unbekannt
Als wir dann endlich, mit drei Jahren Verspätung, in Lissabon aus dem Flughafengebäude traten, konnten wir es kaum glauben. Das nasskalte, winterliche Österreich hatten wir hinter uns gelassen und standen nun bei frühlingshaften Temperaturen in der Sonne.
In den folgenden Tagen erkundeten wir die Stadt, besichtigten vom ehemaligen Expo-Gelände bis zur Christus-Statue viele tolle Sehenswürdigkeiten Lissabons. Wir fuhren mit der Electrico 28 – der bekannten gelben Straßenbahn – bummelten durch die verwinkelten Gassen, stiegen tausende Treppenstufen bergauf und bergab und freuten uns darüber, endlich hier zu sein, ohne Einschränkungen, dafür mit viel portugiesischer Lebensfreude.
Natürlich machen solche Entdeckungstouren hungrig (und durstig) und so fanden wir uns eines Abends in einer kleinen Weinbar wieder. Auf einem Treppenabsatz genossen wir den Sonnenuntergang über dem Castelo de São Jorge bei leckeren Tapas, einem guten Glas Wein und entspannten Gesprächen.
Am Nebentisch ließ sich eine junge Frau nieder, die sich nach ihrer Bestellung in ein Buch vertiefte. Während wir unser Essen genossen und uns unterhielten, hatten wir immer wieder das Gefühl, dass sie zu uns rüberschaute und unsere Unterhaltung verstand, obwohl sie ihre Bestellung in einem akzentfreien Englisch aufgegeben hatte. Aber was heißt das schon …
Unser Essen war fantastisch, der Wein ebenfalls und der Service extrem liebenswert. Als unsere Teller abgeräumt wurden, wurden wir gefragt, ob wir noch ein Dessert wünschen würden. Der Schokokuchen wurde uns überaus vielversprechend angepriesen, doch wir verschoben die Entscheidung auf später.
Am Nebentisch servierte man die erste Runde Tapas. Die junge Frau legte ihr Buch zur Seite, nahm den ersten Bissen und fragte uns dann „Have you decided on your dessert yet?“
Aus dieser ersten Frage entwickelte sich ein abendfüllendes Gespräch. Nun muss man dazu sagen, dass Frau von Neulich und ich auf unseren Reisen eher für uns bleiben. Über ein wenig Smalltalk, so er denn zustande kommt, geht es mit Fremden meist nicht hinaus. Aber dann gibt es Momente, in denen einfach alles passt – unsere Einstellung, der Mensch gegenüber, das Gefühl – und es entfaltet sich eine tiefgründige, spannende und bereichernde Unterhaltung.
Wir erfuhren, dass ihr Name Silke war, sie aus den Niederlanden stammte und aus beruflichen Gründen einige Tage in Lissabon verbrachte. Es stellte sich heraus, dass es viele gemeinsame Anknüpfungspunkte gab und so floss das Gespräch in kürzester Zeit mit einer Leichtigkeit, die man häufig nicht mit Menschen findet, die einem näher stehen.
Wir bestellten Dessert, eine Runde Portwein und dann die nächste. Wir lachten gemeinsam, unterhielten uns über ernste Themen und bemerkten nicht, wie die Zeit verging. Als wir freundlich darauf aufmerksam gemacht wurden, dass das Lokal in Kürze schließen würde, waren wir sehr überrascht.
„Travel is fatal to prejudice, bigotry, and narrow-mindedness.“
Mark Twain
Es war ein wirklich schöner, bereichernder Abend, der Frau von Neulich und mir geschenkt wurde, weil jemand die Offenheit hatte, uns anzusprechen. Es hat uns wieder einmal gezeigt, wie spannend es ist, andere Personen kennenzulernen, in deren Geschichten einzutauchen und Gemeinsamkeiten, aber auch Gegensätze zu entdecken. Dass es schön und wichtig ist, andere Meinungen zu hören und sich selbst zu hinterfragen oder hinterfragt zu werden.
Und es hat mich wieder einmal daran erinnert, selbst offener zu sein, mich auf Gespräche mit Fremden einzulassen und Dinge zuzulassen, weil daraus wunderschöne Momente entstehen, die einem noch lange in Erinnerung bleiben. Und so blicke ich mit einem warmen und dankbaren Gefühl auf diesen Abend zurück. Neulich. In Lissabon.
Was soll ich sagen…ich bin wie immer fasziniert von deinen wundervollen Erzählungen…tauche jedesmal in diese Geschichten ein, als wäre ich mit dir und Frau von Neulich unterwegs…Danke für die tolle Reise nach Lissabon