Frau von Neulich und ich machen nach 2 Jahren endlich wieder einmal Camping Urlaub. Aber nicht, wie der Titel vermuten lässt, in Florenz, sondern in der Nähe von Ravenna. Wir haben an diesem Ort unser Lager aufgeschlagen und wollen von dort einige Städte in der näheren und ferneren Umgebung erkunden.
Unser erstes Ziel ist also Florenz. Wir überlegen, welche Route wir nehmen sollen – Autobahn mit mehr Kilometern und Mautgebühr oder Landstraße. Die Landstraße dauert etwas länger, ist aber 50 km kürzer und so ist die Entscheidung getroffen. Es geht durch kleine italienische Orte, vorbei an Feldern und schmalen Flussläufen. Dann beginnt sich die Straße langsam den Berg hoch zu schlängeln und ehe wir es uns versehen, fahren wir zum Passo del Muraglione hinauf. Immer enger wird die Fahrbahn, immer tiefer neigen sich die Bäume über unser Auto, bis wir endlich oben auf 907 m Seehöhe ankommen. Dort genießen wir im Vorbeifahren kurz den Ausblick ins Tal und schon geht es wieder hinunter in die Toskana.
Wenn einer eine Reise tut …
Nach weiteren 20 Minuten ist mir schlecht und auch Frau von Neulich klammert sich bedenklich ans Lenkrad.
In einem kleinen Dorf lacht uns zwar ein nettes Café entgegen und verspricht nach zwei Stunden Fahrt den ersten Kaffee des Tages, doch mein Magen sagt nein und so fahren wir weiter.
In Florenz angekommen parken wir unser Auto in einer Tiefgarage und suchen unser B&B auf. Wir werden von einer freundlichen Italienerin empfangen, die die Zimmer reinigt und uns zu verstehen gibt, dass unser Gastgeber in einigen Minuten da sein wird.
So ist es dann auch. Wir werden erneut herzlich begrüßt und nach den Anmeldeformalitäten erhalten wir Sightseeing- und Restaurant-Tipps, die für eine ganze Wochen reichen würden. Also nichts wie los, rein in den Bus und ab in die Innenstadt, denn wir haben Tickets für die Uffizien.
Am Piazza di San Marco steigen wir aus, mitten hinein in eine unglaubliche Menschenmenge. Vorbei an der Kathedrale Santa Maria del Fiore, auch bekannt als „Il Duomo“, schieben sich Reisegruppen, Familien mit quengelnden Kindern, händchenhaltende Paare und der/die ein oder andere Influencer:in auf der Suche nach dem perfekten Ort für eine Instagram Story. Dass wir an dieser Stelle, zwischen all diesen Menschen eine ganz besondere Begegnung erleben sollen, wissen wir in diesem Moment noch nicht. Aber dazu später mehr.
Wir sind jedenfalls von der Menschenmenge dezent überfordert. Ich bemerke bei Frau von Neulich schon eine unterschwellige Gereiztheit, die ich, genauso wie bei mir, auf mangelnden Schlaf sowie fehlenden Kaffee zurückführe. Und auch wenn wir keine großen Frühstückerinnen sind, wäre etwas im Magen jetzt nicht schlecht.
An der Piazza della Signoria biegt Frau von Neulich plötzlich scharf links ab. Fast wäre ich ohne sie weiter gelaufen. Sie hat ein Café mit leckeren Panini gefunden. Wir kaufen im Vorbeigehen schnell zwei davon, die wir im Stehen vor den Statuen von Perseus, Herkules und Neptun verzehren. Danach begeben wir uns zu den Uffizien, die zum Glück nur noch ein paar Schritte entfernt liegen.
Die nächsten beiden Stunden tauchen wir ein in die Welt von Leonardo, Raffaello und Michelangelo. Wir sehen „Die Geburt der Venus“ und „Frühling“ von Botticelli, bewundern „Bacchus“ von Caravaggio und „Judith und Holofernes“ von Rubens.
Den geplanten Kaffee/Prosecco auf der Dachterrasse lassen wir aufgrund der horrenden Preise sausen.
Nachdem wir den zweiten Stock (der eigentlich der erste ist) bestaunt haben und auch dem obligatorischen Giftshop im Erdgeschoss nicht widerstehen konnten, stehen wir wieder draußen. Voller schöner Eindrücke und vor allem durstig.
Zum Glück gibt es direkt gegenüber eine Bar und nun endlich, um 15.15 Uhr gibt es den ersten Kaffee des Tages (und ein Glas Prosecco).
Frisch gestärkt geht es weiter. Wir schlendern zur Ponte Vecchio und dann zurück zur Piazza del Duomo, um noch einmal ein paar Fotos zu machen. Beim Blick auf den Eingang fragen wir uns, ob man eine Eintrittskarte braucht oder ob man da wohl einfach so hineingehen kann. Wir beobachten einige Touristen und beschließen uns das Ganze aus der Nähe anzuschauen. Also begeben wir uns zu einem Seiteneingang, an dem immer wieder Personen ein und aus gehen.
Gerade als wir durch das Portal treten wollen, kommt uns ein Schwung an Leuten entgegen, die wir nicht sonderlich beachten, aber natürlich freundlich durchlassen.
Unsere Blicke sind schon treppauf gerichtet, als eine Frau, von innen kommend, ihre Sonnenbrille abnimmt und Frau von Neulich fragend ins Gesicht schaut. Zunächst denke ich mir, das muss eine Verwechslung sein. Die Frau ist dunkelhaarig, gut gekleidet und könnte Italienerin sein. Doch sie schaut Frau von Neulich mit einer solchen Intensität an, dass ich mich für einen kurzen Moment frage, was da eigentlich los ist.
Frau von Neulich blickt etwas irritiert zurück, aber man spürt sofort, dass eine gewisse Spannung zwischen den beiden entstanden ist. Die Dunkelhaarige sagt „Frau von Neulich, bist du das?“ (Also natürlich sagt sie das nicht, sondern spricht sie mit ihrem Vornamen an 😉).
Im Gesicht von Frau von Neulich spielt sich in kürzester Zeit ein ganzer Film ab. Ich sehe Fragen, Zweifel, Nachdenklichkeit, dann ein Erkennen, gefolgt von völliger Überraschung und Perplexität. Sie bringt gerade noch ein „Ja?“ heraus, bevor sich beide in den Armen liegen.
Die Tochter der Fremden und ich stehen mit fragenden Blicken daneben und wundern uns. Doch ich fühle, dass da gerade etwas ganz Besonderes vor sich geht.
„What’s meant to be will always find a way.“
Trisha Yearwood
Die beiden lösen sich aus ihrer Umarmung und völlig überwältigt sagt sie nun zu Frau von Neulich (sinngemäß) „Das gibt es ja nicht, dass ich dich noch einmal wieder treffe. Nach all den Jahren. Du bist eine der wenigen Person, die mein Leben geprägt haben. Das ist unglaublich. Und das ausgerechnet heute und hier in Florenz!“
Wieder liegen sich die beiden in den Armen. Es stellt sich heraus, dass sie sich vor über 20 Jahren begegnet sind. Frau von Neulich war Rafting- und Canyoning Guide in Tirol, sie dort auf Klassenfahrt. Während die anderen aus ihrer Klasse unter sich blieben, schloss sie sich den Guides an und verbrachte gemeinsam mit Frau von Neulich und ihren Kolleg:innen einige lustige, feuchtfröhliche Abende. Scheinbar wurden dabei tiefgründige Gespräche geführt, die nachhaltig in Erinnerung blieben.
Wir stehen zu Viert vor dem Seiteneingang des Doms in Florenz und können es alle nicht wirklich fassen. Pro Tag besuchen Tausende Menschen diese Stadt. Allein die schiere Menge an Personen macht es eigentlich unmöglich, dass man sich trifft. Selbst wenn man sich verabredet, ist es wahrscheinlich schwierig, dass man sich unter all diesen Leuten auf Anhieb findet. Und dass wir auch noch genau zur selben Zeit am selben Ort aufeinander treffen ist wirklich unglaublich.
Hinzu kommt, dass man Personen aus der Vergangenheit ja nach über 20 Jahren auch nicht unbedingt wiedererkennt und dass dieses Datum außerdem für SIE ein ganz besonderer Tag und somit das Wiedersehen in vielerlei Hinsicht besonderes ist. All diese losen Enden haben in diesem einzigartigen Moment wieder zueinander gefunden und sich zu einem Ganzen verflochten. Die Energie, die in diesem Augenblick herrschte, ist unbeschreiblich und hat auch mich tief berührt.
Für mich ist natürlich klar, dass Frau von Neulich einen bleibenden Eindruck hinterlassen kann. Das habe ich selbst hautnah erlebt. Und dass sie auch das Leben von anderen Menschen nachhaltig berührt hat, war mir eigentlich auch schon immer klar. Dass sie diesen einzigartigen Moment erleben durfte, den man wohl schicksalhaft nennen kann, hier, mitten in Florenz, hat mich daher mit tiefer Freude für sie erfüllt.
Alles hat im Leben einen Sinn und man weiß oft nicht, wofür etwas gut ist oder warum Dinge geschehen. Aber dieses Wiedersehen, man kann es unter all den Umständen nicht anders sagen, scheint vorbestimmt gewesen zu sein. „Es fühlt sich auf jeden Fall so an, als hätten wir uns nicht zum letzten Mal gesehen!“ denke ich mir am Abend im Bett. Neulich. In Florenz.