Ich liege wach und hänge meinem Traum nach. Wieder mal ein einziges Durcheinander. Doch am Ende war da ein bekanntes Gesicht, an das ich viel zu lange nicht mehr gedacht habe. Das Gesicht der Person, die mich durch den Herz-Schmerz der Pubertät begleitet hat und die mir half, die Last der Welt, die man in dieser Zeit auf den Schultern zu spüren glaubt, zu ertragen.
„Es geht im Leben nicht darum viele Freunde zu haben, sondern die Richtigen.“
Unbekannt
Unsere Freundschaft begann eher ungewöhnlich. Wir kannten uns nicht aus dem Kindergarten oder der Grundschule, wie es zum Beispiel bei Frau von Neulich und ihren (jetzt unseren ❤) Mädels der Fall ist. Wir lernten uns kennen, weil sie als Briefträger fungierte, um meine geschriebenen Worte an meine erste Liebe zu übermitteln. Ob sie das freiwillig tat, oder ich sie dazu zwangsverpflichtete, kann ich heute nicht mehr sagen. Fakt ist, dass ich mir irgendwann dachte, es wäre doch nur fair, wenn auch der „Briefträger“ einmal Post erhalten würde.
Aus mir und der ersten Liebe wurde nichts – wahrscheinlich wusste er damals schon, dass er schwul war. Doch sie wurde meine beste Freundin.
„Ich stamme aus der analogen Zeit, da hat es aus der Cloud noch geregnet.“
Unbekannt
Ich glaube die Themen, die Jugendliche heute bewegen, sind die gleichen wie bei uns damals: Freunde, Familie, Jungs, … alles, was eben das Umfeld betrifft. Doch im Gegensatz zu heute verlief bei uns noch alles analog. Wo man sich heute über alles und jeden sofort online auf verschiedensten Plattformen austauschen kann, war bei uns damals nur ein Haustelefon. Wohlgemerkt EIN Telefon.
Wir hatten das Glück, dass unser Telefon im Laufe der Zeit ein zehn Meter langes Kabel bekam, so dass man damit in sein Zimmer verschwinden konnte und so die wirklich wichtigen Dinge fernab der elterlichen Ohren besprechen konnte. Wahrscheinlich hatte ich diesen Umstand Schwester von Neulich zu verdanken, die – da vier Jahre älter – vor mir anfing, stundenlange Gespräche mit ihren Freundinnen zu führen. Und wahrscheinlich wollten meine Eltern auch nicht ständig das Gelaber ihrer pubertierenden Töchter mit anhören.
Doch auch wenn, oder gerade weil wir die Gespräche nun ungestört in unseren Zimmern führen konnten, wurden diese natürlich auch immer länger.
Das führte bei mir irgendwann zu einem Telefonverbot, das zur Folge hatte, dass ich all meine ersparten 10 Pfennig Stücke nun am frühen Abend an die Telefonzelle am Dorfplatz verfütterte. Dort saß ich dann solange auf zerfranzten Telefonbüchern, bis mein Geld aus war oder ungeduldige Wartende an die Scheiben klopften. Was hätte ich damals für ein Handy mit WhatsApp gegeben!
Rückblickend war es eine Zeit des ständigen Wartens. Da meine beste Freundin nicht in die gleiche Klasse ging, musste ich ständig warten, um sie zu sehen – bis zur nächsten Pause, bis zum Schulschluss, bis zum nächsten Morgen oder gar bis zum Ende der Ferien. Zum Glück gab es die Telefonzelle am Marktplatz, um die Wartezeit zu überbrücken.
„Freundschaft ist so etwas wie Liebe mit Verstand.“
Sabine Sauer
Wenn es sich zeitlich ausging, trafen wir uns vor dem Unterricht im Vestibül (gibt es das Wort noch?). Sonst bestand unser fixer Treffpunkt an der Tür zum Pausenhof.
Sie war mein Fels in der (Schulhof-)Brandung und in den Jahren bis zu meinem Schulabgang (gefühlt) die einzige, die immer hinter, neben und vor mir stand – no matter what.
Nachdem ich von der Schule abgegangen war, trennten sich unsere Wege. Doch sie war – und ist – die Einzige aus meiner Schulzeit, mit der ich auch heute noch Kontakt habe, wenn auch nur zum Geburtstag oder zu Weihnachten.
Ganz gewiss möchte ich heute nicht mehr 14 sein, doch diese gemeinsamen Momente, dieses „beste Freundinnen Dasein“, das vermisse ich heute manchmal.
Und auch wenn ich heute viele andere, liebe Freundinnen und Freunde um mich herum habe – sie wird immer DIE beste Freundin bleiben, die mit mir durch die Zeit des Erwachsenwerdens gegangen ist. Eine Zeit, die mit nichts zu vergleichen ist und die sich (zum Glück 😉) nicht wiederholen lässt.
Ich denke zurück an die vielen schönen Momente, die endlosen Gespräche und die Person, die mir damals das Gefühl gegeben hat, etwas Besonderes zu sein. Liebe und Dankbarkeit formen ein Lächeln auf meinem Gesicht, bevor ich mich noch einmal umdrehe und glücklich einschlafe. Neulich. Im Bett.
Für C: Danke nochmal 😘
Photo by Priscilla Du Preez on Unsplash
Freue mich immer wieder, mal was von Dir zu lesen! tolle Beiträge!!!
Ich kann aber von früher her auch bestätigen, dass Du etwas ganz besonderes bist, mindestens mal das beste TSG, dass ich mir vorstellen konnte 😉
Sag bitte bei nächster Gelegenheit ganz liebe Grüße an „C“.
Danke – das ist lieb von dir! Grüße werde ich ausrichten 🙂