In Deutschland erschießt ein psychisch kranker Mann mit rechtsradikalen Ansichten zehn Menschen und die Welt blickt entsetzt auf das hessische Hanau. Zu Recht. Dieses Attentat ist ein abscheulicher Akt fremdenfeindlicher Haltung und zutiefst erschütternd. Es bewegt die Menschen in Hanau, Hessen und ganz Deutschland. Und auch bei uns in Österreich füllt die Berichterstattung ganze Seiten.
Es ist nachzuvollziehen, dass alle Medien über eine solche Tat berichten. Die Qualität der journalistischen Arbeit deckt dabei die komplette Bandbreite ab. Besonders die großen Boulevard Blätter fallen wieder einmal über jedes Detail her, ohne Rücksicht auf die Angehörigen der Getöteten.
Was mich neben der eigentlichen Tat jedoch zunächst verwundert und dann verärgert hat, ist die Berichterstattung von seriösen Tageszeitungen hier in Österreich. Da wird davon gesprochen, dass der Tatort in jeder beliebigen Stadt in Deutschland liegen könne oder davon, dass sich die Zahl rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland vervielfacht habe.
Genauso stellt es sich übrigens mit der Berichterstattung über das Desaster bei der Wahl in Thüringen dar. Auch hier wird mit erhobenem Zeigefinger auf das Nachbarland gedeutet und man bekommt das Gefühl, Österreich sei froh, einmal nicht mit seinen politischen Spompernadeln in der internationalen Presse vertreten zu sein.
„Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen…“
Unbekannt
Doch nur weil wir in Österreich nach endlosen Verhandlungen jetzt endlich eine schwarz-grüne Regierung zustande gebracht haben und sich dieser abscheuliche Fremdenhass nicht in Österreich, sondern in Deutschland entladen hat, heißt das noch lange nicht, dass bei uns alles gut, geschweige denn besser ist.
Wie sonst ist es zu erklären, dass wir bis vor kurzem eine Regierung hatten, deren Koalitionspartner immer wieder durch rechtsextreme „Ausrutscher“ auffiel? Oder dass der gefallene Vizekanzler nach allem, was er sich bisher geleistet hat, bei der Landtagswahl in Wien antreten will bzw. überhaupt darf und darüber hinaus auch noch mit hohem Zuspruch rechnet?
„Rassismus ist ein Gift. Hass ist ein Gift.“
Bundeskanzlerin Angela Merkel
Auch bei uns sowie in allen anderen Ländern Europas, breitet sich das braune Gedankengut wie die wuchernden Wurzeln einer Giftpflanze aus, setzt sich in den Köpfen der Menschen fest und verdrängt den gesunden Menschenverstand, das Mitgefühl und die Humanität. Die Parallelen zu den 1930er Jahren sind erschreckend und nicht mehr wegzureden. Dass das letzte rechtsextrem motivierte Attentat nicht bei uns, sondern in Deutschland stattgefunden hat, sagt über Österreich rein gar nichts aus. Es zeugt nicht von einer toleranteren Gesellschaft oder einer anderen, „besseren“ politischen Lage. Es ist vielmehr der tragische Umstand, dass dieses Attentat einer ähnlichen Tragödie in Österreich einfach nur zuvor gekommen ist. Der erhobene Zeigefinger, mit dem auf Deutschland gezeigt wird, ist hier gänzlich fehl am Platz.
Vielmehr müssen wir alle gemeinsam gegen diesen Fremdenhass, diese Intoleranz gegenüber anders Denkenden, anders Glaubenden, anders Aussehenden, anders Lebenden zusammenstehen. Ansonsten wird sich die Geschichte wiederholen. Dabei dürfen wir nicht darauf warten, bis sich in der Politik und/oder der rechtlichen Lage etwas ändert. Das „Ändern“ fängt bei jedem einzelnen von uns an. Bei jedem „wie schaut denn der aus?“, das man sich spontan denkt, bei jeder abfälligen Äußerung, die fällt, wenn ein Glas zu viel getrunken wurde, bei jedem zustimmenden Nicken, wenn in der Runde über „die Ausländer“ geschimpft wird.
Es fällt nicht immer leicht, in solchen Situationen den Mund aufzumachen und seine Meinung zu vertreten, den anderen dagegen zu reden. Doch in solchen Momenten denke ich mir „Was ist, wenn es nicht bei „den Ausländern“ bleibt? Wenn als nächstes die Dunkelhaarigen oder die Dicken oder die Frauen dran sind?“. Die Stimmung kann in jede erdenkliche Richtung umschlagen – und dann?
Wer schweigt, macht sich mitschuldigt. Wir können uns nicht von dem freisprechen, was wir der Bevölkerung der 1930er und 40er Jahren auch heute noch immer wieder vorwerfen. Ich hätte mich gefreut, wenn mehr davon zu lesen gewesen wäre. Vom „Mund aufmachen“, vom „Solidarität zeigen“, vom „Zusammenstehen gegen Rechts“. Neulich. In den Medien.