Blicke schweifen über herbstliche Almen, Bäume leuchten in allen Farben und die Sonne taucht die Berggipfel in ein sanftes Licht. Eine traumhafte Kulisse, für die Tirol und ganz Österreich in der Welt bekannt sind und beneidet werden. Doch dieses traumhafte Alpenpanorama wird plötzlich durch ein weißes Band unterbrochen, dass sich wie ein unnatürliches Wesen durch die grünen Wiesen schlängelt. Denn hier wird gerade mit mehreren Pistenraupen und unter Zuhilfenahme konservierten Schnees eine Skipiste in die Natur „gezimmert“. Damit der liebe Mensch und gut zahlende Skitourist bereits Ende Oktober Skifahren kann. Bei 25°C Außentemperatur, während sich daneben Wanderer in kurzen Hosen verdutzt die Augen reiben.
„Hinterlasse in der Natur keine Spuren, wo nicht einmal die Jahrhunderte die ihrigen hinterlassen haben.“
Spruch aus Spanien
Natürlich sehen die Bergbahnen darin einen wirtschaftlichen Nutzen. Und – man höre und staune – sogar noch einen ökologischen. Denn der Schnee des Vorjahres wurde am Berg deponiert, so dass lange Anfahrtswege wegfallen. Auch sei das Ganze günstiger und umweltfreundlicher, als die Beschneiung mit Schneekanonen. Und der Schnee würde aufgrund der jetzt tiefer stehenden Sonne sowieso kaum noch von deren Strahlen berührt. Fast könnte man den Eindruck gewinnen, dass Skifahren bei sommerlichen Temperaturen im Oktober der Natur gut täte!
Doch diese Argumente können über den eigentlichen Grund – die Gier – nicht hinweg täuschen.
Bei der Aussage, man würde den frühen Saisonstart weiterhin anbieten, solange die Nachfrage besteht, beißt sich die Katze in den Schwanz. Natürlich werden die schneeverrückte Menschen, die den Winter kaum noch erwarten können, diese Möglichkeit nutzen, um Ski zu fahren. Aber trägt dieses Angebot nicht gerade dazu bei, dass die Nachfrage steigt? Sollte man nicht vielmehr die Nachfrage durch ein sinnvolles Angebot steuern? Man könnte ja den deponierten Schnee auch im Dezember einsetzen, wenn die Temperaturen unter dem Gefrierpunkt liegen.
Vielleicht sind an dem Irrglauben, man müsse im Oktober schon Skifahren gehen auch die Schokoweihnachtsmänner Schuld, die einem bereits im August aus dem Regal zulächeln.
„Ein Land darf sich erst dann wirklich als kultiviert oder zivilisiert bezeichnen, wenn es seiner Wildnis genug Bedeutung schenkt.“
Aldo Leopold
In meiner Kindheit gab es Erdbeeren nur im Frühjahr und Mandarinen in der Weihnachtszeit. Heute gibt es alles im Überfluss und zu jeder Jahreszeit. Früher haben wir im Dezember die ersten Schneeflocken herbeigesehnt, die dann ganz langsam die Natur mit einer weißen, dünnen Schicht überzogen. Man musste sich in Geduld üben, bis die Schneedecke dick genug war, dass man darauf rodeln konnte. Und das Warten hat den Spaß dann umso größer gemacht.
Dass früher nicht alles schöner und besser war, ist mir bewusst. Und dass viele Dinge, die in meiner Kindheit hoch gelobt wurden, große Teile zur Erderwärmung beitragen, ebenso. Umso wichtiger ist es, dass wir unser Handeln hinterfragen. Das fängt schon im Kleinen an: Muss man als Ersatz für die vergessene Einkaufstasche eine Plastiktüte kaufen oder tut es ein leerer Karton nicht ebenso? Braucht es im Supermarkt für die drei Äpfel ein Plastiksackerl oder kann man sie auch so in den Einkaufwagen legen? Und wäre es nicht sogar noch besser, statt dem Apfel aus Argentinien einen Apfel vom heimischen Bauern zu kaufen?
Und muss man wirklich schon im Oktober Ski fahren? Oder sollte man die Natur nicht einfach zu jeder Jahreszeit so genießen, wie sie ist, aber dafür in vollen Zügen? Den Frühling, der mit den ersten warmen Sonnenstrahlen und dem zarten Grün nach draußen lockt! Den Sommer, der mit warmen Temperaturen zum Baden und zu lauen Abenden im freien einlädt! Den Herbst, der mit seiner Farbenpracht und seinen vielfältigen Gerüchen das Wandern im Wald und in den Bergen zu einem wahren Fest für die Sinne werden lässt! Und den Winter, der alles in eine dicke Schneedecke hüllt und Ruhe und Entschleunigung mit sich bringt! Und wenn die Natur dazu bereit ist, dann kann man – so wie früher – auch Rodeln oder Skifahren. Das fände ich schöner, als diesen Irrsinn, den ich dort sah. Neulich. In Tirol.
Lesenswert: https://www.derstandard.at/story/2000110092154/kritik-am-kitzbuehler-schneeband-laesst-nicht-nach
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