Es ist früh am Morgen und ich gehe zu Fuß durch unseren Ort zur Arbeit. Die Sonne hat sich durch die Wolken gekämpft und wirft ihre Strahlen auf den Weg vor mir. Und plötzlich trifft er mich – dieser Geruch nach Sonne auf feuchtem Asphalt, von nasser Erde, die das erste Mal im Jahr einen Duft von Frühling verbreitet. Einfach herrlich!
„Frühling ist, wenn die Seele wieder bunt denkt!“
Unbekannt
So wie es im Herbst den Moment gibt, in dem einem plötzlich auffällt, wie viele Blätter auf einmal auf der Straße liegen und man sich denkt „Jetzt ist der Herbst da!“, so gibt es im Frühling diesen Moment, wenn die Sonne kräftiger wird und sich der Geruch verändert. Wenn es nicht mehr nach Schnee riecht und die Wärme die aufgeschobenen Eisberge dahin schmelzen lässt. Wenn die ersten Krokusse und Schneeglöckchen vorsichtig ihre Köpfe durch die Erde stecken. Und wenn die Kehrmaschinen den Split von den Gehsteigen gefegt haben.
Für mich ist dieser Geruch untrennbar verknüpft mit meiner Kindheit. In den Osterferien fuhren wir immer zum Skifahren nach Österreich. Das Lustige daran ist, dass wir damals in die Skiregionen fuhren, die heute fast vor meiner Haustür liegen.
Mitten in der Nacht wurden Schwester von Neulich und ich geweckt und wir zwängten uns schlaftrunken in das voll beladene Auto. Zwischen uns die Kühltasche und/oder der Kassettenrekorder. Vor uns, also zwischen den Beinen, fand meist auch noch irgendetwas Platz, das unbedingt mitgenommen werden musste. Und natürlich durften Kopfkissen und Kuscheltier nicht fehlen. Die sollten helfen, dass wir wenigstens zu Beginn der Fahrt noch etwas Schlaf nachholten und wir unsere Eltern erst später mit Hörspielen beschallten.
Da mir leider früher beim Auto fahren immer schlecht wurde, begann die Fahrt ohne Frühstück – was es nicht unbedingt besser machte. Aber so freute ich mich spätestens in Höhe von Heilbronn auf die Pause. Bei Nürnberg legten wir immer einen Zwischenstopp ein. Es gab Schnitzelbrote und Limonade – der Himmel auf Erden!
Danach ging es den Bergen entgegen, über die Grenze und wenn auf der Straße die Markierung plötzlich gelb statt weiß war, wussten wir, dass es nun nicht mehr so lange dauern würde, bis wir unser Ziel erreicht hatten.
„Weil Schifoan is des leiwaundste, wos ma sich nur vurstelln kann.“
Songwriter: Wolfgang Ambros
Und an unserem Ziel, da war er eben, dieser Geruch. Der Geruch von Schnee und Sonne und Frühling. Darunter mischte sich häufig auch der Geruch von Skiwachs, der heute leider nicht mehr so oft anzutreffen ist, weil die Ski in den Kellern der Sportgeschäfte in modernsten Maschinen serviciert werden.
Aber damals, da roch es in den Skiorten auch nach Wachs. Und nach dieser typischen Mischung, die es nur in Tal- und Bergstationen von Skiliften gibt. Wenn ich näher darüber nachdenke, dann möchte ich eigentlich garnicht genau wissen, geschweige denn beschreiben, aus was sich diese Duftmischung zusammensetzt(e).
Der Geruch nach Frühling und Skiwachs begleitete uns, wenn wir in unseren Skischuhen nach einem herrlichen Skitag von der Talstation Richtung Appartement stiefelten. Ein wenig sonnenverbrannt, mit lachenden Gesichtern, fröhlich und zufrieden.
Im Ortszentrum gab es ein kleines Geschäft, in dem wir uns manchmal für ein paar Groschen Bonbons kaufen durften. Saure Lillies. Das waren fingernagelgroße Fruchtdrops in verschiedenen Farben und Geschmäckern. Und für ganz wenig Geld bekam man eine ganze Tüte voll. Wir fühlten uns jedenfalls wie die Könige. Zu Hause (also in der Ferienwohnung) spielten Schwester von Neulich und ich dann ein Spiel. Jeder griff blind in die Tüte und nahm sich ein Drops, steckte es in den Mund und musste dann erraten, welche Farbe das Bonbon hatte. Das konnte man natürlich nur herausfinden, indem man der anderen die Zunge herausstreckte.
Viele andere Düfte sind unmittelbar mit Skiurlauben verbunden. Zum Beispiel der würzige Geruch von Grilltellern. Oder der fruchtig/kräutrige von Skiwasser oder Almdudler. Oder die Süße von Germknödel mit Vanillesoße. All das gab es bei uns nicht, sondern nur im Urlaub.
Es war eine herrliche Zeit, damals im Skiurlaub. Ein alljährliches, gemeinsames, glückliches Familienerlebnis, an das ich gerne zurück denke.
All diese Erinnerungen kommen kurz in mir hoch, als ich durch den Ort gehe. Und so atme ich noch einmal bewusst ganz tief diesen Geruch von Frühling ein. Neulich. Auf dem Weg zur Arbeit.