Mein Blick fällt auf einen Adventskalender. Mein beständiges „ich hätte sooooo gerne einen Adventskalender. Biiiiiiiiiiiitte“ hat Frau von Neulich erweicht und nun steht er da – 20 x 40 cm, blau mit einem bunten Einhorn. Wahrscheinlich haben für den Inhalt aus kleinen Vierecken mit Weihnachtsmotiven unzählige Schoko-Nikoläuse und -Osterhasen ihr „Leben“ lassen müssen. Genau so einen Adventskalender hatte ich schon als Kind. Okay – damals waren Einhörner noch nicht „in“. Da bestanden die Motive noch aus rotbackigen Weihnachtsmännern, viel Schnee und tobenden Kindern. Aber die Schokolade, die war damals schon die gleiche und schmeckt heute noch genauso. Was wohl an den Nikoläusen und Osterhasen liegt – siehe oben.
Mein Adventskalender steht nun schon seit etwa 14 Tagen im Wohnzimmer. Und wie früher warte ich darauf endlich das erste Türchen öffnen zu dürfen. Das Warten ist mir nicht immer so gut gelungen, wie heute. Ich erinnere mich an eine Vorweihnachtszeit, da hing der Adventskalender über meinem Bett und ich hielt es einfach nicht mehr aus.
Ma·ma
Substantiv, [die]Person, die dich unendlich liebt, die alles für dich tut und immer für dich da ist…
…und alles weiß und sieht!
Also öffnete ich einige der Türchen, aß die Schokolade und klappte die Türchen wieder zu. In meiner kindlichen Naivität dachte ich mir, dass das ja keinem auffallen würde. Weit gefehlt! Mama von Neulich entging diese Schwindelei natürlich nicht. Doch viel schlimmer, als das darauf folgende kleine Donnerwetter war der Umstand, dass ich nun zum (weiteren) Öffnen der Türchen nicht mehr bis zum 01. Dezember warten musste, sondern in den ersten Dezembertagen keine Schokolade auf mich wartete. Das hatte ich nicht bedacht…
Damals habe ich wohl zum ersten Mal erlebt, dass die Vorfreude oftmals schöner ist, als das, worauf man tatsächlich wartet.
Warten – das ist etwas, das wir fast verlernt haben. Was haben wir früher gewartet. In einer Zeit, in der alles noch analog war. Ja, auch wenn ich mich jetzt anhöre wie Ömchen von Neulich, so bestand die Zeit früher häufig aus Warten. Man wartete darauf, dass die Wählscheibe am Telefon wieder zum Anschlag zurück gedreht war (besonders lästig war es, wenn die Telefonnummer eine 0 enthielt). Man wartete darauf, dass am anderen Ende der Leitung ein Freizeichen erklang und hoffte, dass die Person, die man erreichen wollte, am anderen Ende abnahm.
Ich persönlich habe gefühlte Jahre meines Lebens damit verbracht darauf zu warten, dass die Telefonzelle am Dorfplatz frei wurde, damit ich mit meiner besten Freundin telefonieren konnte. Mama und Papa von Neulich fanden es nach einer Weile nicht so gut, dass ich permanent das Telefon blockierte und andere darauf warten mussten, dass die Leitung wieder frei wurde.
Später wartete man darauf, dass die Verbindung zum Internet hergestellt wurde – tuuuuuuuuuut…. düdüüdüüüdüüüüdüüü … brrrrrrrpiiieeps – „Sie haben Post“. Wehe, wenn jemand währenddessen telefonieren wollte.
Heute sind wir nach drei Sekunden weg, wenn sich eine Internetseite nicht öffnet. Früher warteten wir bereitwillig 30 Sekunden oder länger darauf!
Man wartete aufgeregt vor dem Radio, dass die Lieblings-Hits gespielt wurden, um dann zum richtigen Zeitpunkt die Aufnahme-Taste zu drücken und ein Mix-Tape auf Kassette zu erstellen. Wie viele Flüche wurden ausgestoßen, wenn der Moderator in das Ende des Liedes hinein quasselte.
Früher wartete man auf den Gemüsemann, der frisches Obst und Gemüse direkt aus dem LKW verkaufte und für alle Kinder der Straße einen Kirsch-Lolli hatte. Man wartete auf den Postboten, der außer Rechnungen manchmal auch einen handgeschriebenen Brief oder eine Postkarte von lieben Menschen überbrachte.
Ich wartete als Kind auf die „Müllermänner“, die mich mit ihrem großen Auto faszinierten, in die die Mülltonnen geleert wurden. Man wartete auf den Sommerschlussverkauf, der tatsächlich erst im Herbst begann. Und man wartete auf Mandarinen, Lebkuchen und Nüsse, die es nur im Winter – und nicht das ganze Jahr über gab. Heute muss man Angst haben, dass die Schoko-Weihnachtsmänner in der Hitze des Spätsommer schmelzen. Oder dass dem armen Lars Christmas bereits im September das Herz gebrochen wird.
Heute sind wir verstimmt, wenn die Online-Bestellung nicht am nächsten Tag geliefert wird oder im Supermarkt der Lieblings-Smoothie einmal ausverkauft ist.
Dass das „digitale Zeitalter“ viele Vorteile mit sich gebracht hat, steht außer Frage. Wer einmal am anderen Ende der Welt war und sich ohne Probleme mit seinen Liebsten zu Hause austauschen konnte, weiß, wovon ich rede.
„I’ll be home for Christmas..“
Weihnachtslied: Walter Kent (Musik), Buck Ram & Kim Gannon (Text)
Aber gerade in der Vorweihnachtszeit, die immer noch als ruhig und besinnlich gilt, fällt mir immer wieder auf, dass das Warten abhanden gekommen ist. Dabei ist für mich gerade die Vorweihnachtszeit der Inbegriff des positiven, des gespannten und Vorfreude-gefüllten Wartens. Das mag daran liegen, dass ich hunderte Kilometer entfernt von Mama, Papa und Schwester von Neulich wohne. Daran, dass ich mich jedes Jahr auf’s Neue darauf freue, die jahrelang gehegten, gepflegten und lieb gewonnenen Traditionen zu begehen. Ohne dieses freudige „Er-Warten“ wäre Weihnachten wie die damals voreilig aufgerissenen Türchen des Adventskalenders. Es wäre ein wenig leerer. Das wird mir wieder einmal bewusst, als mein Blick auf den Adventskalender fällt. Neulich. Im Wohnzimmer.
Sehr schön und treffend geschrieben liebe Frau Neulich! Hast mich zum Schmunzeln gebracht… Glg, Bianca