Ich sitze endlich wieder einmal am Freitag Abend vor dem Fernseher und habe die Zeit den Kölner Treff anzuschauen. Ich liebe das. Endlich ist Wochenende, ich habe am Nachmittag meist schon etwas Nettes mit Frau von Neulich unternommen, gut gegessen und sitze nun auf dem Sofa und höre interessanten Menschen zu.
Die Runde ist dieses Mal eine besonders nette. Da ist Hannelore Hoger, die aus ihrer Kindheit erzählt, Lisa Martinek und die Höhner, wegen denen ich hauptsächlich eingeschaltet habe. Und dann ist da eine blonde Frau, die ich vorher noch nicht gesehen habe und deren Geschichte mich sofort gefangen nimmt. Ihr Name ist Sonja Liggett-Igelmund und sie ist Hebamme. Jetzt muss ich vielleicht dazu sagen, dass ich selbst keine Kinder habe und in diesem Thema absolut keine Erfahrung. Aber was man in den kurzen Beiträgen sieht und wie Sonja diese ganzen Erfahrungen schildert, ist nicht nur überaus sympathisch, sondern auch sehr ergreifend.
2011 fährt sie für eine Fernsehsendung des WDR nach Ghana, um dort für 2 Wochen als Hebamme zu arbeiten. Bei ihrer Ankunft wird sie unglaublich herzlich von den dortigen Hebammen empfangen. Das kann man sich bei uns fast nicht vorstellen. Da steht eine wildfremde Frau aus einem fremden Land vor ihnen und sie fallen ihr einfach völlig unvoreingenommen um den Hals, hiefen sich den schwere Koffer auf den Kopf und bemühen sich sofort, ihrer neuen Kollegin alles zu zeigen.
„Der Kreißsaal war sehr… rustikal! … Da stand ’ne Liege und ein Tischchen mit ’nem Holzhöhrrohr und im Großen und Ganzen war es das. … Und natürlich war mir das klar, dass da nicht viel sein wird, wenn ich da hinkommen und trotzdem da zu stehen und es zu sehen – da hat es einem kurz die Sprache verschlagen.“
Sonja Liggett-Igelmund
Am Anfang hofft sie, dass sie in der relativ kurzen Zeit, die sie in Ghana ist bei einer Geburt dabei sein zu können. Und dann – tatsächlich – ist es soweit und sie kann in diesen einfachen Verhältnissen dabei helfen einen gesunden Jungen zur Welt zu bringen. Ihr zu Ehren wird er Bismarck genannt.
Wenn bei uns jemand unter diesen Umständen ein Kind bekommen müsste – unglaubliche Hitze, minimalste medizinische Ausstattung und hygienische Bedingungen – ich glaube, es würde keiner mehr Kinder bekommen.
Und dann der Moment, als bei einer Geburt nicht alles reibungslos verläuft. Was tun, wie helfen? Mit den gegebenen Möglichkeiten ist eine Geburt vor Ort undenkbar. Die werdende Mutter muss in’s nächste Krankenhaus. Und das geht dort nur – per Anhalter.
Man muss sich das einmal vorstellen! Wie gesagt – ich habe selbst keine Kinder, aber selbst für mich ist dieser Gedanke unvorstellbar, dass eine Frau in den Wehen per Anhalter zum nächsten Krankenhaus fahren muss. Angewiesen auf die Hilfe fremder Menschen (die dort zum Glück noch selbstverständlicher ist, als bei uns), eine lange Fahrt auf holprigen Straßen, Schmerzen, nicht wissend, ob Mutter und Kind es überhaupt rechtzeitig bis zum Ziel schaffen werden. Und selbst dann ist es wahrscheinlich ungewiss, ob beide es nach all den Strapazen überleben.
„Die Frauen fahren normalerweise per Anhalter zum nächsten Krankenhaus – egal bei welcher Komplikation!“
Sonja Liggett-Igelmund
Dieser Anblick der im Dunklen an der Straße stehenden werdenden Mutter hat auch bei Sonja Liggett-Igelmund etwas ausgelöst. Und als sie wieder zu Hause war, hat sie im Freundes- und Bekanntenkreis gesammelt. Sie hat einen ganzen Container gepackt mit Dingen, die für ihre mittlerweile lieb gewonnenen ghanaischen Kolleginnen und die dortigen Frauen und Kinder wichtig sind. Sie hat ihren Urlaub darauf verwendet, erneut nach Ghana zu fahren, um diesen Container aus dem Zoll zu bekommen (und das war alles andere als einfach) und die darin enthaltenen Dinge ihren Bestimmungen zuzuführen.
Doch all das war noch nicht genug und so gelang es ihr im darauffolgenden Jahr auch noch einen Krankenwagen zu kaufen und auch diesen nach Ghana zu bringen. Dank ihrer Hilfe haben die schwangeren Frauen im Notfall nun einen schnellen und vergleichsweise komfortablen Transport ins nächste Krankenhaus.
Und Sonja Liggett-Igelmund engagiert sich weiter. Jahr für Jahr fährt sie nach Ghana, um dort bessere Bedingungen zu schaffen. Sie sagt selbst, dass sie in 6 Jahren nicht alle Probleme gelöst hat, aber sie konnte bereits viel verändern.
Jetzt habe ich genug geschrieben, über eine Geschichte, die nicht meine eigene ist, die mich aber so ergriffen hat, dass sie mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Ich habe lange überlegt, ob ich darüber schreiben soll. Ich habe ja nichts getan, außer bei jedem Teil der Dokumentation ergriffen vor dem Bildschirm zu sitzen. Aber dann habe ich mir gedacht, dass Menschen wie Sonja, die sich mit ganzem Herzen für andere einsetzen – und damit meine ich jetzt nicht nur ihren unermüdlichen Einsatz in Ghana, sondern auch ihre Arbeit als Hebamme in Deutschland – einfach viel zu wenig gewürdigt werden. Jeder jammert, aber die wenigsten tun tatsächlich etwas. Schon garnicht in einem fremden Land. Und schon überhaupt nicht, wenn es unbequem wird. Wenn man dafür seine Freizeit, seinen wohlverdienten Urlaub opfern muss.
Und daher widme ich diesen Beitrag all jenen Menschen, die tagtäglich für unser Wohlergehen sorgen, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten: allen ehrenamtlichen Helfern in der medizinischen Rettung, den Freiwilligen Feuerwehren, der Bergrettung, dem THW und allen anderen Organisationen, deren Namen ich nicht alle nennen kann. Und natürlich Sonja Liggett-Igelmund und ihrem Verein „Meeting Bismarck e.V.“ – würde es mehr Leute geben, wie sie, wäre die Welt eine bessere.
Das wird mir sehr bewusst, als ich vor dem Fernseher sitze, sie reden höre und mir plötzlich vorkomme, wie die Made im Speck. Neulich. Im Kölner Treff.
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