Ich frage mich, woran es liegt, dass man mit zunehmendem Alter Dinge zu schätzen lernt, die man früher furchtbar langweilig fand. Konkret meine ich Kunst. Und dazu zähle ich alles Mögliche – vom geschriebenen Wort über bildende Kunst bis hin zur Musik.
Dass ich Sprache und Worte gerne mag, ist mittlerweile wahrscheinlich bekannt. Ich glaube ich habe Bücher schon geliebt, bevor ich lesen konnte. Im Alter von 5 Jahren war ich neidisch auf Mama und Schwester von Neulich, die stapelweise Bücher aus der städtischen Bücherei ausliehen und zu Hause stundenlang darin versinken konnte. Okay – bei Mama von Neulich war das wahrscheinlich nur am Abend möglich, wenn wir im Bett lagen – aber ihr versteht, was ich meine 😉
Wie glücklich ich war, als auch ich endlich „richtige“ Bücher ausleihen und lesen konnte, kann ich zwar heute nur noch erahnen, aber ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich gefreut habe, wenn ich zum Geburtstag oder zu Weihnachten einen weiteren Band von „Bille und Zottel“ geschenkt bekam.
„’Ne Lok mit Locomotion…“
Starlight Express / Andrew Lloyd Webber
Ich erinnere mich auch noch gut daran, dass ich mit ca. 13 Jahren mit Mama von Neulich nach Bochum zu „Starlight Express“ fahren durfte. Das ist jetzt für Musikkritiker sicherlich nicht unbedingt musikalisch anspruchsvoll, aber für mich war es ein ganz besonderes Erlebnis, das ich nicht vergessen werde. Natürlich lag es auch daran, dass ich einmal ganz alleine mit Mama von Neulich einen Ausflug unternahm. Doch ich weiß noch genau, wie es sich anfühlte, als das Licht ausging, die Show begann und ich bei den ersten Tönen des Musicals Tränen in den Augen hatte, weil mich die ganze Atmosphäre und die Musik so mitnahmen.
Mit Anfang 20 verschlug es mich nach Spanien und auch hier hatte ich wieder das Glück an Menschen zu geraten, die mir Kunst durch ihre Begeisterung dafür nahe brachten. In der Sprachschule, die ich damals besuchte, konnte man nach dem Pflichtstunden am Morgen, nachmittags freiwillig Kurse zu verschiedenen Themen belegen – natürlich in Spanisch. Ich entschied mich für Kunstgeschichte und nahm so erste Einblicke in die Malerei von Goya, Velázquez & Co. Der Besuch des Museo del Prado in Madrid war ein weiters einprägsames Erlebnis.
Danach folgten einige Jahre, in denen ich andere Dinge im Kopf hatte, als die Kunst. Gelesen habe ich zwar immer viel, aber ich würde jetzt nicht unbedingt behaupten, dass da die große Weltliteratur darunter war.
Klassische Musik hat mich auch schon sehr lange begleitet. Zum einen habe ich bei Ömchen von Neulich natürlich im Klavierunterricht das ein oder andere Stück kennengelernt. Zum anderen werden bei uns zu Weihnachten traditionell Vivaldis 4 Jahreszeiten und Mozart gespielt.
Ich hatte das Glück, dass Schwiegermutti von Neulich uns im vergangenen Jahr zu Turandot zu den Bregenzer Festspielen einlud. Ein, wie ich finde, perfekter Einstieg in die Welt der Oper. Das Ambiente ist festlich, aber nicht steif – eher wie ein Sommerpicknick. Jeder kann kommen wie er möchte und die großartige Vorstellung auf der Seebühne genießen.
„O mia patria sì bella e perduta!“
Aus Nabuccos Gefangenenchor „Va, pensiero“, Giuseppe Verdi
Eine weitere tolle Alternative ist – wie ich finde – die Live-Übertragung verschiedener Aufführungen aus der New Yorker MET in diverse Kinos dieser Welt. Hier durfte ich im Jänner die großartige Inszenierung von Nabucco mit Plácido Domingo in Salzburg sehen. Dass der berühmte Gefangenenchor aufgrund des anhaltenden Applaus des Publikums (in New York, nicht in Salzburg…) durch den fabelhaften Dirigenten James Levine ein zweites Mal gespielt wurde, war ein weiteres Erlebnis, das ich sicher in Erinnerung behalten werde.
Und dann durfte ich kürzlich die MET Inszenierung von Dvořáks Rusalka sehen. Mich hatten die Zeichnungen der Kostüme und des Bühnenbildes in der Pause von Nabucco fasziniert, so dass wir uns kurzfristig dazu entschieden hatten, auch Karten für diese Aufführung zu reservieren. Erst im Nachhinein wurde uns bewusst, dass die Oper auf tschechisch gesungen wurde und 4 Stunden dauerte. Doch die großartige Kristīne Opolais ließ das ganze Stück mit ihrer Schauspielkunst und ihrem Gesang sehr kurzweilig erscheinen.
Wahrscheinlich liegt es einfach wirklich an den Menschen, die mit Herz und Seele ihre Kunst leben und uns diese näher bringen, so dass wir sie in Erinnerung behalten. Ob das die Autoren sind, die uns mit ihren Geschichten in ihren Bann ziehen, ob das die Künstler sind, die uns durch die gesungenen Stücke verzaubern. Oder ob es die „einfachen“ Menschen sind, wie die Kunstgeschichte-Lehrerin in Spanien, die uns mit ihrer eigenen Leidenschaft so sehr für die Kunst begeistern, dass sie uns ein Leben lang begleitet. Das wird mir bewusst, als ich so vor mich hin schreibe. Neulich. Am Abend.