Neulich… Neulich ist nicht gestern, vorgestern oder letzte Woche. Neulich ist heute. Heute ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. In Zeiten wie diesen kann man nicht oft genug an das Unheil erinnern, dass vor 70 bis 80 Jahren die Welt verdunkelte.
Denn wenn ich heute Menschen sehe, die Selfies vor Mahnmalen und in Gedenkstätten machen, lustig posieren, wo Millionen Menschen ihr Leben ließen, frage ich mich, ob diese Leute zu Hause keinen Anstand und keinen Respekt gelernt haben. Denn wer nur einem Funken Manieren und Hausverstand mitbekommen hat, dürfte ein solches Benehmen garnicht erst an den Tag legen.
„Die Erinnerung ist wie das Wasser: Sie ist lebensnotwendig und sie sucht sich ihre eigenen Wege […] Sie hat kein Verfallsdatum und sie ist nicht per Beschluss für bearbeitet oder für beendet zu erklären.“
Noach Flug sel. A. – 1925-2011, Auschwitz-Überlebender und Präsident des IAK
Aber vielleicht haben sie das Ausmaß der Grausamkeiten nicht verstanden? Vielleicht haben sie keinen Bezug mehr zu dem, was damals geschehen ist, haben nie von Familienangehörigen Geschichten aus den Kriegsjahren erzählt bekommen, haben nie die furchtbaren Bilder gesehen, die sich uns ins Gedächtnis gegraben haben?
Die AfD will Fördermittel für ausländische NS-Gedenkstätten streichen und die Reisen für Schüler zu solchen Gedenkstätten am besten gleich ganz verbieten. Weil das Migranten kein positives Bild von Deutschland vermitteln würde (hierfür dürfen die Migranten, die die AfD nicht in Deutschland haben möchte übrigens herhalten…).
Woran mag es wohl liegen, dass das Bild nicht positiv ist? Vielleicht daran, dass das Deportieren in einem Zugwaggon, eingepfercht wie Vieh nicht positiv war? Daran, dass nackt in der Kälte stehen und sich von NS-Männern erniedrigen zu lassen nicht positiv war? Daran, dass das gewaltsame Entreißen der Menschenwürde nicht positiv war? Oder vielleicht daran, dass die Ermordung von Millionen Menschen verdammt nochmal NICHT POSITIV WAR??? Ja, auch dieser Teil gehört leider zur deutschen Geschichte und nur weil er kein positives Bild von Deutschland vermittelt, macht es das Ganze nicht ungeschehen!
Dass die KZ-Gedenkstätte Buchenwald den AfD-Landes- und Fraktionschef Björn Höcke vom heutigen Holocaustgedenktag ausgeladen hat, finde ich absolut richtig und wichtig. Wer das öffentliche Erinnern an die Vernichtung der Juden diffamiert, hat in meinen Augen an einem solchen Ort nichts zu suchen. Schon garnicht, wenn es darum geht, sich an diesem Tag des Gedenkens in die Öffentlichkeit zu drängen. Wenn er eine „(erinnerungspolitische) Wende um 180 Grad“ machen möchte, dann soll er das doch bitte tun, umdrehen und wieder nach Hause fahren. (Es blieb ihm ja dann nach dem erteilten Hausverbot auch nichts anderes übrig!)
„Hier tut sich allerhand, das letzten Endes zu Ausgrenzung, Internierung und zur Not auch Massenmord führen kann.“¹
Georg Stefan Troller
Es macht mich unglaublich wütend, wenn Menschen solch einen Schwachsinn verbreiten und sich, um es mit den Worten von Georg Stefan Troller zu sagen, als „Erlöserfiguren“¹ aufspielen, die so tun, als könnten sie „mit einer Handbewegung oder einem Federstrich alles zum Guten ändern“¹. Wenn sie „vorgeben im Namen des Volkes zu sprechen und gegen die Eliten zu kämpfen“¹. Und noch wütender macht es mich, dass es genug Menschen in unserem und auch in den benachbarten Ländern gibt, die diesen gefährlichen Idioten einfach blind und ohne nachzudenken hinterher rennen.
Ich kann jedem nur das „Yolocaust“ Projekt von Shahak Shapira empfehlen, das in schockierender Weise zeigt, wie respektlos Selfies in KZ-Gedenkstätten sind. Oder die Seite von Yad Vashem – We shall meet again – die letzten Briefe von Menschen, die im Holocaust ermordet wurden (Link zur Website). Die Geschichten und Briefe machen betroffen und lassen einen sprachlos zurück. Es ist unvorstellbar, was in diesen Zeiten vor sich gegangen ist und was diese Menschen durchleben mussten. Als ihnen bewusst wurde, dass sie ihre Lieben nie wieder sehen würden, sich entschuldigten für Dinge, die sie taten, bevor die Familie auseinander brach. Die stark blieben und in ihren letzten Stunden den Empfängern der Briefe trotzdem noch Mut zusprachen.
„Those who do not remember the past are condemned to repeat it.“
George Santayana
Wir sind es diesen Menschen schuldig, dass wir die Geschichte nicht vergessen. Dass wir das Gedenken an diese dunklen Zeiten aufrecht erhalten. Es stimmt – die heutigen Generationen sind nicht mehr schuld an den Dingen, die damals geschehen sind. Aber sie sind dabei sich daran schuldig zu machen, dass sich die Geschichte wiederholt.
Steht auf gegen Rechts. Lebt Respekt und Anstand vor. Seid freundlich zu euren Mitmenschen – den inländischen, wie den ausländischen. Redet miteinander. Jeder kann etwas tun – es fängt im kleinen an, am besten sofort – zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
¹ Zitate aus dem DLF Interview mit Georg Stefan Troller (http://www.deutschlandfunk.de/aufschwung-des-populismus-das-erinnert-mich-stark-an-die.694.de.html?dram%3Aarticle_id=377412)