Frau von Neulich und ich sind zu Besuch bei Mama und Papa von Neulich. Wie immer sitzen wir gemütlich beisammen und irgendwann kommt das Gespräch auf die alten Zeiten. Nicht die guten, eher die weniger schönen, die Kriegszeiten. Mama und Papa von Neulich beginnen zu erzählen, einige „Geschichten“ kennt man schon, andere noch nicht. Und so sitze ich da und lausche gespannt.
Früher war nicht immer alles gut…
Da ist die Rede davon, wie Mama von Neulich als kleines Kind ihrer Mutter vom Balkon ihrer Tante zuwinken konnte, die 3 Straßen weiter wohnte – man konnte sich sehen durch die zerbombten Häuserblocks.
Da wird erzählt von einem Paket Mehl, das Opa von Neulich mit nach Hause brachte und wie groß die Freude war, als sich darin auch noch einige Eier versteckten.
Da berichtet Papa von Neulich, wie er sich aus etwas Zucker und dem Fett, das sich noch in der Pfanne befand, heimlich Karamellbonbons machte, als Oma von Neulich aus dem Haus war. Oder wie schwierig es war für die andere Oma von Neulich in Köln, als sie kurz nach dem Krieg als alleinerziehende Mutter dastand und nächtelang nähte, um sich und Mama von Neulich über Wasser zu halten.
Und dann erzählt Papa von Neulich von dem Tag, an dem er in die Stadt geschickt wurde, um Brot zu holen. Es regnete und es war ein langer Fußmarsch von fast einer Stunde. Am Geschäft angekommen erwartete ihn bereits eine lange Schlange. Doch das war zu dieser Zeit nichts Ungewöhnliches und so stellt er sich in der Schlange an. Die Zeit verging nur langsam und er versucht immer wieder Schutz vor dem Regen unter dem Schirm eines Mannes zu finden, der vor ihm stand. Hin und wieder reckte er das Gesicht zum Himmel, um mit dem Mund etwas Regenwasser aufzufangen, um den immer stärker werdenden Durst im Zaum zu halten. Die Schlange wurde immer länger, doch dann, endlich, wurde die Tür geöffnet und die Menge begann nach vorne zu drängen. Papa von Neulich war noch ein Kind, viele Menschen schoben ihn einfach zur Seite, um weiter nach vorne zu gelangen. Als er den Eingang des Geschäfts endlich erreicht hatte, trat der Bäcker nach vorne und schloss die Tür. Es gab nichts mehr. Papa von Neulich war fassungslos. Am Boden zerstört trat er den langen Heimweg an und machte sich die größten Vorwürfe. Er hatte nur diese eine Aufgabe gehabt, ein Brot nach Hause zu bringen, damit die Familie für die nächsten Tage etwas zu essen auf dem Tisch hatte und nun kam er mit leeren Händen nach Hause. Auch seine Mutter konnte den in Tränen aufgelösten Buben lange Zeit nicht trösten.
Und wie ich diesen Berichten aus der Kindheit meiner Eltern lausche, fühle ich mich auf einmal ganz klein. Und dankbar. Dankbar für meine eigene Kindheit, in der es mir an nichts fehlte. Dankbar dafür, dass Mama von Neulich immer für uns Kinder da war, da sein konnte, während Papa von Neulich bis spät in den Abend arbeitete. Und dankbar dafür, zu einer Generation zu gehören, die (bisher) vom Krieg verschont blieb und in Frieden und Freiheit aufwachsen durfte, die keine Not leiden muss, nicht verfolgt wird und um ihr Leben bangen muss.
Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen, stundenlang um eine viel zu kleine, zugeteilte Ration an Nahrungsmitteln vor einem Geschäft warten zu müssen. Wir, die wir im Überflüss leben und im Supermarkt aus zig verschiedenen Brot- und Gebäcksorten wählen können. Wir, die viel zu viele Lebensmittel wegwerfen. Wir, denen es (viel zu) gut geht und die wir trotzdem davor Angst haben, dass uns fremde Menschen etwas wegnehmen.
Dass wir seit über 70 Jahren in Frieden leben, haben wir unserer Demokratie zu verdanken. Dass ihr eine viel zu lange, dunkle Zeit der Diktatur in unbeschreiblichem Ausmaß voran ging, macht sie umso wertvoller.
„Wo der Bürger keine Stimme hat, haben die Wände Ohren.“
Jeannine Luczak
Und daher ist es mir unverständlich, dass Menschen nächtelang wegen eines neuen Handys vor Geschäften campieren, es aber nicht schaffen (oder für nötig befinden) wenige Minuten ihrer Zeit dazu zu verwenden, wählen zu gehen. Wählen zu dürfen, ist ein Privileg. Das sieht man besonders deutlich an den Ländern, in denen es keine freien Wahlen gibt. Und auch wenn man sich nicht immer zu 100% mit den Parteiprogrammen oder den zu wählenden Personen identifizieren kann, so ist „Nicht wählen“ keine Alternative. Denn nicht zu wählen stärkt die Falschen.
Mit Blick auf die anstehenden Präsidentschaftswahlen in Amerika hoffe ich, dass die Leute auch dort ihr Recht zu wählen ergreifen.
Dass sie sich nicht blenden lassen von einem Mann, der so ziemlich jede Nationalität und Religion beleidigt hat, sich respektlos gegenüber Frauen verhält und nur daran interessiert ist, sich selbst durch Macht und Geld zu bereichern. Angespannt sehe ich der Wahl entgegen und hoffe, dass wir am Ende die erste amerikanische Präsidentin jubeln sehen werden.